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"Der
Kompassbrunnen" in der Ortsmitte von Kressbronn am Bodensee
Gelebte Geschichte
- Kressbronner Kinder und Jugendliche gestalten die Achsen des Kompassbrunnens
mit 351 bemalten Majolika Keramiksteinen
Projekt
Kunst im öffentlichen Raum scheint oft eine eher von Vorgaben
und Auflagen bestimmte Angelegenheit. Öffentliche Organe stellen
Raum zur Verfügung und geben ein Thema vor, das Projekt wird
ausgeschrieben, Künstler beteiligen sich am Wettbewerb, eine
kunstsachverständige Jury entscheidet.
Doch es geht
auch anders: der Kompassbrunnen in der Ortsmitte von Kressbronn
ist als Projekt ein Dokument der "Kulturaneignung".
Vorgaben und
Auflagen bei den Planungs- und Gestaltungsprozessen wurden in Kressbronn
ersetzt durch das Vertrauen, das Bürgermeister und Gemeinderat
in die Identifikationsfähigkeit der BürgerInnen mit ihrem
Wohn- und Heimatort setzten und in die Befähigung des Einzelnen,
Kulturgut gemeinsam zu entwickeln und zu realisieren.

Bereits in der
vorbereitenden Phase, die dem Projekt in der Ortsmitte Kressbronns
"Raum" und "Inhalt" geben sollte, fand sich
eine Arbeitsgruppe zusammen, die sich nicht nur mit den baulich-räumlichen
Vorgaben auseinandersetzte, sondern in einer ganzheitlichen Herangehensweise
die Geschichte der Gemeinde und ihrer Teilorte betrachtete und vor
allem die gegenwärtigen Lebensumstände der Menschen, die
in Kressbronn leben, in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen
stellte. Vor allem nahm sich die Arbeitsgruppe Zeit zu offenen,
bisweilen kontroversen Gesprächen, um den Rahmen für die
Gestaltungsarbeit der Künstler zu schaffen. Außergewöhnlich
jedoch war der Ansatz des Gremiums, bereits in dieser Entwicklungsphase
die Künstler als "Fachleute zur Übersetzung von Gefühlen,
Einstellungen und Empfindungen in Form möglichst früh
... in den Prozess der gedanklichen Vorbereitungen mit einzubeziehen",
so Gerhard Schaugg, der maßgeblich an der künstlerischen
Gestaltwerdung des Projektes mitgewirkt hat.
Mit großer
Übereinstimmung entschied sich die Jury unter sechs eingeladenen
Künstlern für den Entwurf der in Langenargen lebenden
Bildhauerin und Medienkünstlerin Annette Weber, die mit ihrem
Kompassbrunnen ein Zeichen der Mitte, der Standortbestimmung und
der Orientierung setzt.
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Der Brunnen
steht auf dem rechtwinkligen Schnittpunkt zweier Achsen, die in
die vier Himmelsrichtungen weisen. Die Achsen bestehen aus 351 von
Kressbronner Kindern und Jugendlichen gestalteten Majolika Keramiksteinen.
Das Brunnenrund mit ca. 4,7 m Durchmesser ist leicht gekippt, die
niedrige Seite lädt zum Sitzen und Baden ein, die hohe Weite
ist beplankt und stellt den Bezug zu Schiffahrt und Navigation her.
Der Brunnen selbst ist innen mit einer parabolspiegelartigen Edelstahlwanne
ausgekleidet; korrespondierend zur Schräglage des Brunnens
steht in der Wannenmitte ein 7,5 m hoher Mast (Sinnbild für
das Schiff im Sturm), bestückt mit rechteckigen Solarzellen
(die Segel), die Strom für Möwenschreie und die Beleuchtung
liefern. Konzentrische Wellen symbolisieren die Kraft der Mitte.
Der Spaziergänger setzt die Möwenschreie und das Wasserspiel
in Gang.

Ein integraler
Bestandteil von Annette Webers Konzept ist die Miteinbeziehung der
Menschen Kressbronns in den Realisationsprozess ihrer künsterischen
Idee.
So ist die bildliche
Gestaltung der insgesamt 351 Majolika Keramiksteine von Kressbronner
Kindern und Jugendlichen durchgeführt worden. Schulartenübergreifend
waren letztendlich 1000 Kinder an der Bemalung der Steine beteiligt.
Betreut wurden die jungen Menschen von KunstlehrerInnen ihrer jeweiligen
Schule. Das gestalterische Thema entwickelten die Pädagogen
zusammen mit einer Historikerin und einer Journalistin.
So weisen die
vier Kompassachsen schließlich auf folgende Lebensfelder hin,
die sich inhaltlich, historisch und metaphorisch an der Geschichte
der Gemeinde orientierten:
Erdgeschichte
der Kressbronner Landschaft
Leben der Menschen, Religion und Kultur
Herren, Untertanen und freie Bürger
Freude und Sorge im Alltag
In zwei Gruppen
fuhren Schüler und Lehrer zur Staatlichen Majolika Manufaktur
Karlsruhe, um die vorher erarbeiteten Motive auf den Majolika Keramiksteinen
künstlerisch umzusetzen. Der Umgang mit Keramik war Schülern
wie Lehrern zuerst fremd, doch durch die umsichtige Anleitung der
Künstlerin Annette Weber war die Scheu schnell verflogen und
manch erster zaghafter Pinselstrich endete in selbstbewussten eigenwilligen
Zeichnungen. Nach Säuberung der mit hellblauer Engobe vorbereiteten
Steinen begann das Abenteuer des Malens mit farbiger Engobe, die
in James-Bond-Manier zuerst geschüttelt wird, um dann in die
bereitstehenden Joghurtbecher abgefüllt zu werden. Der Malprozess
war die eine Erfahrung, die Verwandlung der Farben durch den Brennvorgang
die andere. Das Ergebnis sind ausdrucksstarke Motive auf dunkelblauem
Hintergrund, die Geschichte und Geschichten erzählen, Vergangenheit
erfahrbar, Gegenwart erlebbar und Zukunft fühlbar machen.
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Die Patenschaft
an einem Majolika-Keramikstein ermöglichte es den Kressbronner
Bürgern, sich an dem Kulturprojekt zu beteiligen - und zu verewigen.
Nicht nur die Kinder und Jugendlichen signierten "ihre"
Steine, auch der Pate findet sich auf dem "path of fame"
der Majolika Keramikachsen ein Leben lang wieder.
Wieviel Identifikation
mit diesem Projekt der Integration von Bevölkerung und Lebensumfeld
vorhanden ist, zeigen nicht zuletzt die zahlreichen Spenden für
diese Realisation im Rahmen von "Kunst im öffentlichen
Raum", die in dieser Ausprägung einmalig ist: "In
dieser Form sind Keramiksteine noch nie auf einem öffentlichen,
befahrbaren Platz verarbeitet worden" sagt die Künstlerin
Annette Weber.
Inspiriert wurde
die Künstlerin durch den "Blauen Strahl" aus 1645
leuchtend blauen Keramiksteinen, die das Karlsruher Schloss durch
den Schlossgarten mit der Majolika Manufaktur verbinden (lt. Herrn
Goll).
Es bleibt zu
wünschen, dass Projekte, in denen Kunst- und Sozialkompetenz
eine solch fruchtbare Symbiose eingehen, ihre Nachahmer finden.
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