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Majolika, 25. September 2004: Einführung in die Arbeiten von L. Lida T. und Hannelore Langhans - Die phantasievolle Laudatio von Susanne Marschall „Wenn ich Kummer habe, fresse ich Schokolade.“
Da steht er plötzlich, schemenhaft, unwirklich wirklich, wie eine Fata Morgana, eine lebendig gewordene Vision: Etwas feist mit einem Ansatz zum Doppelkinn. Aufgetaucht durch einen Satz, einen Charakteristischen, der ein Bild von ihm malt, Teile seines Wesens beschreibt: Kurt Tucholsky, der berühmte Satiriker und Zeitkritiker, der mit beißender Ironie und treffsicher die Wörter hinhaute. Und auch sich selbst nicht verschonte.
„Wenn ich Kummer habe, fresse ich Schokolade“, das ist die erste Zeile auf der obersten Seite des schon leicht vergilbten Papierstapels: Lauter handschriftliche Manuskripte des bedeutenden Schriftstellers. Behutsam aufeinander getürmt von der Künstlerin Hannelore Langhans. Behutsam wird auch unser Blick, er gleitet respektvoll über die wertvollen Papiere, langsam und vorsichtig tastend. Er wirft sich nicht drüber, huscht nicht in Eile von einem Wort zum anderen. Bleibt an den kleinen Details hängen, verweilt an den Schnörkeln und Schwüngen, der signifikanten Persönlichkeit der Handschrift. Taxiert das Aussehen, den Zustand der geschichteten Blätter: Ein wenig brüchig sehen sie aus, mürbe geworden durch den Zahn der Zeit. Fragil und hauchdünn an manchen Stellen, als wären sie durch viele Hände geglitten. Immer wieder an der gleichen Stelle angefasst worden, durchgeblättert mit angefeuchteten Fingern. Sie wellen sich, wollen nicht plan aufeinander liegen, die Ränder sind eingerissen und ausgefranst: Es sind eben Originale, alt, mehr als 70 Jahre alt, und das zeigen sie deutlich.
So ganz stimmt das nicht, was ich eben erzählt habe: Der Papierstoß ist nämlich gar nicht aus Papier, sondern aus filigranen, papierdünnen Tonplatten, von der Künstlerin den echten Schriftstücken sensibel nachempfunden. Und alt sind sie auch nicht, die Tonblätter, ganz im Gegenteil, sie sind blutjung. Nur der handgeschriebene Text, der stammt wirklich und originär aus der Feder Tucholskys.
Im Grunde sind es unspektakuläre Kleinigkeiten, unscheinbare Petitessen, die man schon fast banal nennen könnte: Ein Packen getonter Manuskripte auf alt getrimmt, mit einem selbstironischen Satz als Einleitung, und Textfragmenten. Sicherlich nicht den wichtigsten und denkwürdigsten, die Tucholsky geschrieben hat, und außerdem sind sowieso nur einzelne Sätze zu entziffern. Es ist einfach nur ein gewöhnlicher Stapel Blätter - zugegeben, aus einem ungewöhnlichen Material originalgetreu nachmodelliert, dass sie aussehen, wie seine eigenen. Aber es ist kein buntscheckiges Kunstwerk, das laut ins Auge springt, Aufmerksamkeit heischend, wie es dem berühmten Autor gebühren würde. Kein schwelgender Lobgesang, der sein außergewöhnliches Werk rühmt, sein Leben und seine Person schillernd und dramatisch erzählt. Nein, es ist genau das Gegenteil: Die Arbeit ist schlicht und leise, konzentriert und unprätentiös. Und gerade weil er nicht künstlich in Szene gesetzt ist, hochstilisiert zu einem Dichterfürsten, sondern Grundlegendes, Alltägliches, Menschliches geformt, kommt er in unserer Phantasie herausgekrochen aus dem blättrigen Tonstapel, wird lebendig. Es ist wie ein Film, der vor dem inneren Auge abläuft, sich verselbstständigt und plötzlich äußere Realität wird. Die Künstlerin hat aus seinem fülligen Leben, seiner reichen Gedankenwelt, sensibel und feinfühlig einen kleinen Hauch Wesenhaftes herausgegriffen und ihm tönerne Gestalt gegeben: Eine ganze kleine Welt blitzt auf, ernst und hintergründig, humorvoll und witzig. Wir mittendrin. Teil davon. Partner. Angehörige.
Übrigens - Tucholsky ist in guter Gesellschaft: Auch Albert Einstein, der arabische Gelehrte Ali Ibn Al Andaluzi Hazim und Friedrich Schiller sind anwesend. Der sitzt auf seiner Glocke und schwebt gleichzeitig sozusagen als Geist über ihr. Wacht über seine tongewordenen Worte, die menschliche Gestalt angenommen haben, zwischen den Seiten des großen, aufgeklappten Buches geschäftig hin- und herwuseln. Seinen Geist greifbar und sichtbar werden lassen. Eine keramische Nacherzählung, die, wie ein lebendig gewordenes Bühnenbild, vor uns abläuft. Eine Welt hervorzaubert, die sich mäandernd ausbreitet und immer neue Bilder heraufbeschwört, Räume und Dimensionen öffnet.
„Ich bin der Fabulierkunst mit den Fingern verfallen“, sagt Hannelore Langhans über sich selber und lässt einen dicken, fetten Käfer über Kafkas Verwandlung kriechen, die Buchskulptur einnehmen. Der Protagonist Gregor Samsa, schon fast ganz in dem scheußlichen Ungeziefer verschwunden, klammert sich verzweifelt mit letzter Kraft an das Buch. Aus Nabokovs Lolita stechen zwei kleine Brüstchen spitz und keck aus dem Buchdeckel und Ikarus lässt Hannelore Langhans in der aufgeschlagenen Skulptur zerschmettert auf den Seiten liegen, in heißes Sonnenlicht getaucht. Sie schält den Kern aus den geschriebenen Worten, die Essenz, und formt visionär deren Geist. Lustvoll knetet sie aus einem derben Klumpen vielschichtige, facettenreiche und dreidimensionale Sinnbilder. Die farbige Glasur bleibt meist im Hintergrund, sparsam verwendet untermalt, unterstützt, hebt sie nur die szenische Darstellung hervor. Sensibel geht sie mit dem gedanklichen Stoff um und dem erdigen. Modelliert ihre Visionen, die schon beim Lesen Gestalt annehmen. Die mal heiter und humorvoll sind, fast schon vor Übermut sprühen und schmunzeln machen oder auch nachdenklich stimmen, ernst und tiefgründig sind.
Es sind kleine Denkmäler einer Buchversessenen, die schon als Kind immer und in jeder erdenklichen Situation gelesen hat: unter der Schulbank, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Und die nicht nur ihrer inhaltlichen Gedankenwelt verfallen ist, dem aufgetürmten Wissen, das manchmal so fragil ist, dass es stürzen kann, wie der Turm zu Babel. Sie ist gleichzeitig fasziniert vom Aussehen und dem haptischen Reiz alter Bücher und Pergamente. Von den hauchdünnen, abgegriffenen Seiten, zerfleddert und angenagt. Den Wasser- und Tintenflecken, Wachstropfen, handschriftlichen Anmerkungen und den patinaüberzogenen Buchdeckeln. Den vielen Spuren, Lebensspuren, den zahllos übereinander geschichteten Geschichten, die verschmolzen mit dem Inhalt dem Buch erst diese weise, ehrwürdige Ausstrahlung geben. Der Film ist eingelegt, der Vorspann flimmert schon. Nein, ich lasse mich jetzt nicht verleiten, diesen Film kann jeder alleine anschauen. Das ist genau das, was einem passiert, wenn man langsam schaut und sich auf die Buchskulpturen einlässt.
Es ist eine Hommage an Bücher, Bücher überhaupt. An ihre Lebensgeschichte, das in ihnen versammelte Wissen, an die imaginären Welten, Traumbilder, Visionen, die sie heraufbeschwören und an ihre Gedankengebäude. Die sie allerdings überleben: „Die Gedanken sind feuerfest“, sagte Ali Ibn Al Andaluzi Hazim, als die Spanier im 11. Jahrhundert sein ganzes umfassendes Werk verbrannten. Feuerfest, wie die Visionen von Hannelore Langhans.
Ziemlich konträr wirken die Arbeiten von L. Lida T., aber nur auf den ersten, oberflächlich huschenden Blick: Abstrakte Portraits, aus Tonplatten geformt, die an zylindrische Behälter erinnern, eiförmige Reliefs, die wie ein Bild an der Wand hängen, bemalte und geritzte Scherben, biomorphe Gefäße. Blattförmig, muschelförmig, rund. Der zweite Blick bleibt schon hängen, lässt sich von der dekorativen, gefälligen Oberfläche und den natürlichen, archaischen Formen nicht mehr ins Bockshorn jagen. Die Augen gehen auf und nehmen langsam die hauchdünnen beseelten Schichten wahr, die dichte, lebendige Atmosphäre. Die zu tönerner Formensprache modellierten Visionen, Traumbilder, Empfindungen, Fantasien. Die abstrakten Portraits werden zu dem, was sie sind: nach außen gestülpte Momentaufnahmen von Gefühlen und Emotionen, räumlich dargestelltes Seelenleben von Menschen. Von Menschen, die der Künstlerin zufällig begegnen, in der U-Bahn, am Flughafen, auf der Straße. Dann fotografiert sie, schnell, jedes Detail. Lichtet die Menschen mit den Augen ab, schaut in sie hinein und sucht Verborgenes, Verstecktes, tiefer Liegendes. Innere Details, die sich schon in Mimik und Gestik ausdrückten. Sie sieht ihnen an, ob ihre Träume bunt und lebendig sind oder fahl und leblos. Und lässt sich auch nicht irreführen durch ein makelloses, schönes Gesicht. Das Gesehene, Gefundene, die Momentaufnahmen und Röntgenbilder trägt sie in sich. Sie wandern durch ihre Gefühlswelt, verknüpfen sich mit eigenen Erinnerungen, Erlebnissen, Emotionen. Werden konkret, bis sie aus ihr herausfallen, die Seelenzustände, in die Hände gehen, den Ton, die Linien, die Farben. Inneres wird nach Außen geformt, Gefühle bekommen ein Gesicht. Da gibt es den Traumlosen, grau wie eine Maus, die ganz in sich zurückgezogene Japanerin, der schöne Jüngling mit seinen blauen oder eher blauäugigen Träumen. Sie spürt den Gefühlen der Menschen nach und gibt ihnen in ihrer eigenen Formensprache Ausdruck, immer mit Respekt und Achtung.
Und dann gibt es noch die Natur, das Wasser, die Erde, der Himmel: „Dort sammle ich meine Linien, Farben und Formen und auch meine Träume“, sagt die Künstlerin. Abstrakte Wolkengebilde, bizarre Felsformationen, außergewöhnliche Steine, (ja sie sammelt auch Steine und Muscheln,), das tosende Meer, schäumende Wellen, alles was sie draußen sieht, beobachtet, wahrnimmt, verwandelt sie in Formen und Glasuren. Und in jedem Gefäß, das sich schon längst aus seinem Gefäßsein emanzipiert hat, brandet und wogt es, rauscht und brodelt. Es sind kleine Welten entstanden voller Träume und Spiegelungen, lebendig und weit. Und sie bewegen sich: Man sieht förmlich, wie sich die australische Welle auftürmt, wächst, höher und höher, schäumend, tosend, kraftstrotzend, bis zum Scheitelpunkt und dann mit einem urgewaltigen Schrei in sich zusammenfällt, gischtspritzend, sich langsam beruhigend. Das Wasser strudelt noch, ist braun und grün vom Schlamm, letzte kleine Schaumkronen tanzen darauf. Die Schale bleibt nicht Schale, filigran gestaltet, sie wird zum bewegten räumlichen Bild, das die Augen von selber vervollständigen.
Die Arbeiten sind eine Hommage an das Leben, an die Schönheit der Natur. Und so emotionsgeladen sie sind, strahlen sie doch eine seltsame Distanz aus, die von Respekt und Achtung spricht. Sie vereinnahmen nicht mit ihren behutsam modellierten, tiefen Empfindungen, Seelenzuständen und Träumen. Krallen sich nicht an unseren Gefühlen fest, beschwören keine gefühlsduseligen Assoziationen. Sie zeigen einfach eine ungewöhnliche Vielschichtigkeit, eine träumerische Tiefe, eine lebendige Fülle.
Sie sehen, meine Damen und Herren: Bei allen Unterschieden verbindet diese beiden Künstlerinnen, dass sie ihre Visionen, ihre inneren Bilder gestalten und uns auffordern, mit den Kunstwerken in einen Dialog zu treten. Sie uns wirklich zu eigen machen, sie zu einem Teil von uns werden lassen. Mit ihnen träumen, sie aus der Distanz betrachten, mit ihnen reden. Ich wünsche Ihnen einen kunstreichen und kunstvollen Abend.
Vielen Dank.
Susanne Marschall, 25. September 2004
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